Der nächste Akt der Telekommunikation: Von der Konnektivität zur digitalen Verwaltung

Die Telekommunikationsbranche befindet sich an einem strategischen Wendepunkt. Jahrzehntelang konkurrierten die Betreiber über Netzabdeckung, Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit. In der heutigen KI-gesteuerten, Cloud-basierten Welt reichen diese Kennzahlen nicht mehr aus. Die Infrastrukturebene wird neu definiert, und die Rolle der Telekommunikation darin ist neu zu vergeben.

Die Gewinner werden nicht diejenigen mit den schnellsten Netzwerken sein. Sie werden diejenigen sein, die den Fluss von Rechenleistung, Kontext und Vertrauen branchenübergreifend orchestrieren.

Der große Wandel: Nähebasiertes Rechnen

Nähebasiertes Computing verlagert Verarbeitung, Speicherung und Sicherheit von zentralisierten Rechenzentren in netzwerkbasierte, standortbezogene Infrastrukturen. Dies geht über Edge Computing hinaus; es stellt eine strukturelle Neuarchitektur der digitalen Infrastruktur dar.

Die Auswirkungen sind tiefgreifend. Durch die Vermeidung unnötiger Datenübertragungen ermöglicht Proximity Computing kontextbezogene Echtzeitdienste und unterstützt fortschrittliche Anwendungsfälle wie KI-Inferenz, industrielle Automatisierung und immersive Anwendungen. Laut  Cisco werden 75 % der Unternehmensdaten am Netzwerkrand erstellt und verarbeitet.  IDC prognostiziert,  dass die Ausgaben für Edge Computing im asiatisch-pazifischen Raum bis 2028 84 Milliarden US-Dollar erreichen werden, was einem jährlichen Wachstum von 15 % entspricht.  STL Partners  sagt voraus, dass der globale Markt für Edge Computing von 51 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023 auf 424 Milliarden US-Dollar im Jahr 2030 wachsen wird, was einem jährlichen Wachstum von 35 % entspricht.

Da Rechenleistung immer näher an den Ort der Datenerzeugung und -nutzung rückt, verschwimmen die traditionellen Grenzen zwischen Konnektivität, Rechenleistung und Sicherheit. Telekommunikationsanbieter sind prädestiniert, diese räumliche Näheebene zu betreiben – allerdings nur, wenn sie sich über die reine Zugangsbereitstellung hinaus weiterentwickeln.

Telekommunikationsunternehmen an einem strategischen Scheideweg

Führungskräfte stehen vor zwei völlig gegensätzlichen Zukunftsszenarien. Der eine Weg führt zur Kommodifizierung, bei der Telekommunikationsunternehmen zu unsichtbaren Bandbreitenanbietern unterhalb von Hyperscaler-Plattformen werden. Der andere Weg positioniert Telekommunikationsunternehmen als Verwalter digitaler Lieferketten, die branchenübergreifend die Infrastruktur für die Kundennähe orchestrieren.

Ersteres führt in die Bedeutungslosigkeit. Letzteres erfordert eine mutige Neuausrichtung: vom reinen Zugangsverkauf hin zur Bereitstellung von Orchestrierung, Vertrauen und operativer Intelligenz. Es handelt sich hierbei nicht um ein Technologie-Upgrade, sondern um eine Transformation des Geschäftsmodells.

Was treibt den Wandel an?

Sechs zusammenlaufende Trends verändern die Rolle der Telekommunikation in der digitalen Wirtschaft.

  1. Agentic AI  hat sich von einer reinen Backoffice-Lösung zum zentralen Element für Kundenerlebnis, Betrieb und Servicebereitstellung entwickelt. Telekommunikationsunternehmen nutzen KI, um Release-Zyklen zu beschleunigen, Customer Journeys zu optimieren und Fehler vorherzusagen. Ein deutscher Anbieter automatisierte Customer Journeys mithilfe von KI, während ein australisches Telekommunikationsunternehmen KI für vorausschauende Wartung und Servicequalitätssicherung einsetzte.
  2. Autonome Netzwerke  ersetzen manuelle Prozesse. Intent-gesteuerte, Cloud-native Architekturen wie TMF ODA, MEF und CAMARA ermöglichen selbstorganisierende Netzwerke, die dynamisch auf Serviceanforderungen reagieren. Ein australisches Telekommunikationsunternehmen vereinfachte sein OSS und ermöglichte die autonome Orchestrierung mithilfe einer KI-nativen ODA-Architektur.
  3. Network-as-a-Product (NaaP)  gewinnt zunehmend an Bedeutung. Telekommunikationsunternehmen vermarkten Netzwerkfunktionen, stellen sie über APIs bereit, richten sie an den Geschäftszielen aus und monetarisieren sie wie Software. Telstras Strategie „Connected Future 30“ veranschaulicht diesen Wandel, indem sie KI und Cloud kombiniert, um differenzierte Netzwerkdienste und autonome Betriebsabläufe zu ermöglichen.
  4. Offene APIs  harmonisieren die globalen Telekommunikationsökosysteme. Die Open-Gateway-Initiative der GSMA standardisiert APIs von über 20 Betreibern und ermöglicht so die Integration mit digitalen Plattformen und die skalierbare Bereitstellung von Diensten. APIs für Standortbestimmung, QoS, Identitätserkennung und Edge-Erkennung werden bereits von Entwicklern wie Zoom und Vonage eingesetzt.
  5. Cybersicherheit und Trust by Design  sind unverzichtbar geworden. Da 5G, Edge Computing und KI die Angriffsfläche vergrößern, müssen Telekommunikationsunternehmen Zero-Trust-Prinzipien, KI-gestützte Bedrohungsanalysen und Compliance-Rahmenwerke in jede Ebene ihrer Infrastruktur integrieren. Nach größeren Cyberangriffen haben führende Telekommunikationsunternehmen in den USA, Australien und Katar ihre Infrastruktur mit KI-basierten Systemen zur Bedrohungserkennung und Compliance-Rahmenwerken verstärkt.
  6. Umfunktionierte Rechenkapazität und Konnektivität  verändern Infrastrukturmodelle. Telekommunikationsunternehmen setzen Edge-Computing für Echtzeit-Autonomie und NTN für IoT- und KI-Workloads ein und gestalten ihre Infrastruktur um Workload-Profile herum anstatt nach veralteten Paradigmen.

Infrastruktur, neu positioniert

Im Zeitalter der KI ist Entscheidungsgeschwindigkeit wichtiger als Reichweite. Vernetzung wird zu einem verteilten Steuerungssystem. Datenspeicherung erfolgt lokalisiert basierend auf Datengewichtung und -souveränität. Sicherheit verlagert sich von der Perimeterverteidigung hin zu integriertem Vertrauen.

Telekommunikationsunternehmen müssen sich weiterentwickeln: von der reinen Ermöglichung des Zugangs hin zur Ermöglichung KI-gestützter Ergebnisse. Dies ist die neue Infrastrukturebene, und die Telekommunikationsbranche muss sie verantworten.

Strategische Imperative für Führungskräfte in der Telekommunikationsbranche

Um einer Kommodifizierung vorzubeugen und die nächste Phase der digitalen Infrastruktur anzuführen, müssen Führungskräfte entschlossen handeln.

  1. Nutzen Sie standortbezogene Informationen, indem Sie Betriebsdaten in Echtzeit-Einblicke und -Dienste umwandeln. Telekommunikationsunternehmen verfügen über riesige Telemetriedatenmengen – es ist an der Zeit, diese zu vermarkten. Zweitens: Schaffen Sie Vertrauen und Souveränität, indem Sie standortbezogene Sicherheit und Compliance als Dienstleistung anbieten. Mit zunehmender Datenlokalisierung und KI-gestützter Governance können Telekommunikationsunternehmen die Durchsetzung von Vertrauen direkt am Netzwerkrand ermöglichen.
  2. Durch Partnerschaften mit Branchenführern sollen branchenspezifische Plattformen entwickelt werden. Telekommunikationsunternehmen müssen über die reine horizontale Vernetzung hinausgehen und vertikale Wertschöpfung anstreben.
  3. Automatisieren Sie die Orchestrierung, um verteilte Infrastrukturen mit KI-gestützten Steuerungsebenen zu verwalten. Autonome Netzwerke sind nicht nur effizient, sondern unerlässlich für die Skalierung von Proximity Computing.
  4. Die Expansion erfolgt durch den Aufbau offener Plattformen, föderierter Edge-Clouds und Entwicklermarktplätze mithilfe von Ökosystemen. GSMAs Open Gateway und CAMARA sind erste Schritte, aber Telekommunikationsunternehmen müssen schneller handeln.
  5. Nachhaltigkeit wird durch die Optimierung des Energieverbrauchs und des CO₂-Fußabdrucks in der verteilten Infrastruktur gefördert. Edge-Standorte müssen effizient, sicher und nachhaltig sein – nicht nur schnell.

Wie Erfolg aussieht

Verizon hat AWS Wavelength in sein 5G-Netz integriert und  ermöglicht so Dienste mit extrem niedriger Latenz für AR, Gaming und industrielle Automatisierung. 75 % der US-Bevölkerung befinden sich heute in einem Umkreis von 240 Kilometern um eine Wavelength-Zone.  Vodafone arbeitet mit Hyperscalern zusammen, um MEC-Dienste in ganz Europa bereitzustellen und damit Smart-City-Anwendungen und vernetzte Fahrzeuge zu unterstützen. Das Edge Innovation Program von Vodafone zieht Startups in den Bereichen AR-Wartung und Drohnensteuerung an. In Südkorea  bietet SK Telecom  GPU-beschleunigte Edge-Dienste für KI-Workloads in Unternehmen an und wandelt sein Netzwerk in eine Echtzeit-Computing-Fabric um. Das Unternehmen hat Metatron AI Edge und Jump AR/VR eingeführt und investiert in ein eigenes koreanischsprachiges GPT-Modell.

Hierbei handelt es sich nicht um Verbindungsplattformen, sondern um Orchestrierungsplattformen.

Wie ein Scheitern aussieht

Telekommunikationsunternehmen, die Proximity Computing lediglich als Erweiterung ihrer Konnektivität betrachten, werden von anderen Plattformen übernommen. Hyperscaler, CDNs und API-Aggregatoren werden den Wertschöpfungspotenzial abschöpfen, während die Kosten den Telekommunikationsunternehmen überlassen bleiben. Unternehmen werden Telekommunikationsunternehmen bei Edge-Services umgehen, sofern diese keine differenzierten, ergebnisorientierten Lösungen anbieten.

Fazit

Nähebasierte Datenverarbeitung ist nicht nur ein Nebenaspekt der Zukunft der Telekommunikation – sie ist deren Grundlage. Telekommunikationsunternehmen, die diesen Wandel annehmen, werden zu Hütern digitaler Leistungsfähigkeit, Vertrauenswürdigkeit und Orchestrierung. Diejenigen, die dies nicht tun, werden zu einer unsichtbaren Infrastruktur degradiert.

Die Infrastrukturschicht wird neu definiert. Die Frage ist:  Werden Sie sie besitzen oder von ihr vereinnahmt werden?

Über die Autoren

Jeffrey Mitchell
Partner und Leiter des OSS-Bereichs bei Wipro Telecom, Media and Technology Consulting

Padman Kumar
Senior Partner und Leiter APMEA bei Wipro Telecom, Media, and Technology Consulting 

Amit Jain
Geschäftsführender Gesellschafter und Europa-Leiter, Wipro Telekommunikations-, Medien- und Technologieberatung

Eric Kingston
Global Managing Partner, Telekommunikations-, Medien- und Technologieberatung